Der Mord
Geschrieben von Agnar   
Montag, 09 Juli 2007
Der Mord

Eine Anschlagsplanung der "Bruderschaft der Schatten" vom Segment CAA. Gleichzeitig eine Schilderung der Folgen einer magischen Wand auf die Umwelt.
von Arne Stephan


Der Mord


Wie bringt man einen Zwergen um?“, fragte Dakeyras in die kleine Runde. „Wie bringt man einen Zwerg um, von dem man nichts bis auf seinen unaussprechlichen Namen weiß und der zu allem Überfluß auch noch ein Magier ist?“.

Er heißt `Tanasonlik charu Noldelunor bel Rogan Jenati“, warf Hakim ein, der in der Gruppe nicht nur für seine Giftmischerkünste, sondern auch für sein gutes Gedächtnis, sein Sprachtalent und seine Besserwisserei bekannt war.

Schon dieses Namens wegen hätte er es verdient zu sterben“, ließ sich Aischa vernehmen, „als Magier natürlich sowieso!“

Eine unaussprechliche Blasphemie, ein Verstoß gegen die Gesetze der Ordnung und des Lebens selbst, eine Sünde, die nur mit dem Tod bezahlt werden kann - und das von einem Wesen, dem dies völlig fremd sein sollte! Caa geht seiner Vernichtung entgegen, wenn nun auch schon Zwerge der Sünde der Zauberei verfallen!“ Tarik, der in seiner Abwesenheit auch schon mal als „der Prophet“ bezeichnet wurde, setzte zu einem seiner gefürchteten Monologe an.

Das Gespräch ging in ähnlichem Stil weiter, ohne daß eine wirklich brauchbare Idee vorgetragen wurde, von einem ausgereiften Plan ganz zu schweigen. Dakeyras, der in gewissen Kreisen auch als „Der Seelendieb“ bekannt war und der als Meisterspion die kleine Gruppe anführte, ließ seinen Blick über die Landschaft schweifen. Vom Hügel aus, auf der die sieben Mitglieder der Gruppe kampierten, hatte man einen guten Blick über die dichten Wälder, die sich ohne Unterbrechung bis zum Horizont erstreckten. Von der tiefstehenden Sonne in ein klares, leicht rötliches Licht getaucht hätten sie ein durchaus romantisches Bild geboten, wenn sich nicht im Westen jene Erscheinung erhoben hätte, die die Gruppe vor zwei Wochen aufgehalten hatte.


Quer über den Horizont und so hoch das Auge reichte, schien die Luft zu flimmern und Schlieren zu bilden, ähnlich, wie sie es an Tagen großer Hitze tut. Ein riesiges dunkles Wolkenband hatte sich westlich dieser Erscheinung aufgebaut, aus dem beständig Blitze zuckten und schwerer Regen zu fallen schien.

Auf ihrer, der östlichen Seite, war der Himmel hingegen völlig wolkenfrei und kaum ein Lufthauch war in der trockenen Luft zu verspüren. Schon Tage bevor sie die Barriere das erste Mal „gesehen“ hatten, waren ihnen zudem die zahlreichen toten Vögel aufgefallen, die um so zahlreicher wurden, je näher sie an die Erscheinung herankamen. Bei denen, an denen sich noch keine Aasfresser zu schaffen gemacht hatten, schien Genickbruch die häufigste Todesursache zu sein.

Als sie schließlich auf mehrere fast trockengefallene Bäche gestoßen waren, in denen aber noch vor kurzem Wasser geflossen zu sein schien, war allen in der Gruppe klar, um was für ein Phänomen es sich hier handeln mußte : ein Zauberer hatte im Westen der Gruppe eine magische Wand errichtet, für Mensch, Tier und Element völlig undurchdringlich und für mancherlei Getier eine Todesfalle.


Sobald festgestanden hatte, daß es sich um ein magisches Phänomen handelte und daß die Gruppe es nicht ohne weiteres würde umgehen können, hatten sich Dakeyras und seine Helfer auf die Suche nach dem Urheber dieser Blasphemie gemacht. Vor einem Tag waren sie schließlich auf einige verängstigte Bauern gestoßen, die von einem Zwergen berichteten, der sich auf einem benachbarten Gehöft einquartiert hätte. Dieser Zwerg wäre am Anfang des Mondes „einfach so - puff“ aus der Luft erschienen - mitten im Kuhstall außerdem, worauf die Kühe tagelang nur noch saure Milch gegeben hätten - er sei also aus dem Nichts erschienen und hätte sich dann „im Namen von Jurak Brol - zu dem auch diese gottverlassene Gegend gehört“ im vornehmsten Gehöft der ganzen Gegend einquartiert. Nach einigen Tagen merkwürdiger Rituale habe der Zwerg dann verkündet, daß er, Tanasonlik (usw.) die Gegend vor einer wilden Barbarenhorde geschützt habe und daß nun alle in Sicherheit wären und daß er noch einige Wochen bleiben werde, um die Magie aufrecht zu erhalten, bis sich die Situation entspannt habe. Tatsächlich aber, so berichteten die Bauern, habe seit seit diesem Zeitpunkt das Unheil erst seinen Lauf genommen. Der Regen sei ausgeblieben, zahlreiche Bäche seien versiegt, die Vögel fielen tot vom Himmel - zahlreiche merkwürdige Dinge hätten sich ereignet und die ersten Bauern und Waldarbeiter der Gegend begännen, von Flucht zu sprechen.


Nun, dachte sich Dakeyras, wir wissen zwar nicht viel von diesem Zwergen, aber daß seine unheiligen magischen Künste im Namen von Ndragr und der armen Bewohner dieser Gegend beendet werden müssen, ist offensichtlich.

Der Zwerg war auf magischen Wege erschienen - er war also allein, ohne die sonst übliche Leibwache, die man den meist eher feigen und sehr verletzlichen Zauberern mitgab. Nun, im Gehöft, in dem er sich einquartiert hatte, würden der Bauer mit seiner Familie und ihre Knechte und Mägde leben, diese jedoch spielten bei einem Mordanschlag keine Rolle. Wenn alles glatt lief, würde man die übrigen Bewohner des Hofes sogar am Leben lassen können - sie würden vom Mord erst erfahren, wenn die Gruppe die Gegend längst verlassen hätte. Kämen sie der Gruppe jedoch durch einen dummen Zufall in die Quere, dann würden sie eben schnell und leise beseitigt werden müssen - für das Wohl der Welt und Ndragr würde ihren Seelen gnädig sein.

Also, ein einsamer Zwerg, ohne Wachen, durch die Aufrechterhaltung der magischen Wand abgelenkt. Magische Fallen wären außerdem auf einem Hof nicht zu befürchten, würden sie doch auch durch die Bewohner des Hofes ausgelöst werden.

Der Raum des Magiers selbst wäre vielleicht durch Zauber gesichert, aber mit solchen Schutzzaubern kannte Dakeyras sich aus - es wäre nicht das erste Mal, daß er einen solchen Zauber überlistete oder umging. Und wenn das zu riskant sein würde, nun, dann blieben immer noch der Speisesaal oder auch der Abort für einen schnellen Dolchstoß. Und sollte sich der Zwerg gar nicht aus dem Zimmer wagen, dann würde Hakim seine Künste an seinem Essen versuchen - selbst ein Zwergenmagier würde nicht immun gegen Gift sein.


Dakeyras kam zu einer Entscheidung. Noch diese Nacht würde man den Hof auskundschaften und spätestens in der nächsten Nacht würde es einen Magier weniger auf Caa geben. Mochte Ndragr den seinen bei ihrer heiligen Aufgabe beiseite stehen ...