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Geschrieben von Administrator   
Mittwoch, 08 Juni 2005
Kriegerherz

Die Jagd nach einem Schneehirschen im Eisreich Thontar auf dem Segment CAA.

von Olav Möhring


Kriegerherz

eine Geschichte aus den eisigen Weiten Thontars


Der Schneehirsch hatte den Fluß tatsächlich an dieser Stelle durchquert. Deutlich sah Darthak den Abdruck des gespaltenen Hufes im weichen Sand.

Jetzt, im Naliv, war der größte Teil des Schnees geschmolzen, obwohl sich in Niederungen oder im Schatten von Felsen immer noch große weiße Flecken finden ließen, und die Bächlein, die während der großen Schmelze zu teilweise reißenden Strömen anschwollen, beruhigten sich langsam und kehrten in ihr angestammtes Bett zurück, um überall dort, wo sie über die Ufer getreten waren, feinen schwarzen Sand, den das Wasser aus den Hängen der Ewig Schneebedeckten Berge gewaschen hatte, zurückzulassen.

In diesem Sand hatte der Schneehirsch seine Spur hinterlassen, und zwar genau an der Stelle, die Wirokk vorhergesehen hatte.

Darthak kniete nieder und befühlte die Ränder eines besonders deutlichen Abdruckes. Er nahm etwas von dem Sand, roch daran und zerrieb ihn zwischen den Fingerspitzen.

Dann blickte er zu Wirokk auf.

»Sein Vorsprung hat sich verringert. Morgen oder übermorgen holen wir ihn ein.«

Wirokk stand auf seinen Speer gestützt und blinzelte zustimmend auf Darthak hinab. Dann schulterte er die Jagdwaffe und begann, durch die eisigen Fluten zu waten. Darthak beeilte sich, seinem Onkel zu folgen.

Der Fluß wurde nach einigen Schritten tiefer, und die Strömung, die zunächst nur an den Beinen gezogen hatte, drückte gegen Hüfte und Brustkorb. In der Mitte des Flusses mußten die beiden Männer sogar eine kürzere Strecke schwimmen, wobei sie die Strömung mehrere Längen flußabwärts trieb, bis sie wieder Grund unter die Füße bekamen.

Am anderen Ufer übernahm Wirokk die Führung und führte Darthak am Wasser flußaufwärts, bis sie an die Stelle kamen, wo der Schneehirsch das Wasser verlassen hatte.

»Kriegerherz ist stärker als wir,« sagte er auf die Spuren des Tieres deutend. Darthak hatte sich mittlerweile daran gewöhnt, daß sein Onkel jedes Tier bei dem Namen nannte, den es in den vielen Märchen und Fabeln seines Volkes hatte. Kriegerherz, der große Schneehirsch.

Wirokk verfiel wieder in den Trab des Jägers, und Darthak versuchte, es ihm nachzumachen.

Dies war Darthaks erste Jagd auf Kriegerherz, und selbst die anstrengenden Robbenjagden im Winter waren vom Kräfteverschleiß nicht mit diesem Rennen um Leben und Tod zu vergleichen.

Sie hatten den Hirsch am Tag vor diesem entdeckt, als sie eigentlich bei der Jagd auf Gänse waren. Wirokk hatte einen Pfeil auf das Tier abgeschossen, aber es war viel zu weit entfernt gewesen.

Dartak und Wirokk waren von der Sippe des Schneehirschen. Das Tier war die Verkörperung des Ideals, dem jedes Mitglied der Sippe nacheiferte.

Einen Schneehirsch zur Strecke zu bringen, galt als eine der höchsten Auszeichnungen, und ein erlegter Schneehirsch war, so selten dieses Ereignis auch eintrat, immer der Anlaß zu einem Freudenfest. Der Tod des Sippen-Totems diente dabei als Opfer an die Göttin Kaa, mit dem ihr Schutz auf die Sippe herabgefrufen werden sollte.

Wirokk und Darthak waren zurück zur Wohnstätte der Sippe geeilt, um ihre schweren Speere zu holen. Dann hatten sie die Verfolgung des Hirsches aufgenommen.

Die Tiere waren extrem selten, lebten eigentlich weiter im kalten Süden, in den Tälern der Ewig Schneegekrönten Berge. Nur vereinzelt kamen sie aus dem Gebirge herab, und eine Sichtung führte immer zu einer Jagd.

Das Gesetz der Sippe verlangte, daß nur die Männer, die bei der Sichtung des Hirsches zugegen waren, an der Jagd teilnehmen durften. Auch durften sie den Hirsch nur sechs Tage jagen. Hatten sie das Tier bis dahin nicht zur Strecke gebracht, so mußten sie es ziehen lassen.

Wirokk war mit über vierzig Wintern schon ein Älterer, aber Darthak mit seinen siebzehn Wintern hatte dennoch Mühe, mit ihm schrittzuhalten. Wirrok war einen halben Kopf kleiner als sein Neffe, und von schmalerem Wuchs als dieser, und sein Bart war mittlerweile von grauer Farbe, aber sein Körper war kraftvoll wie der eines Mannes von halbem Alter, und es gab in der ganzen Sippe keinen besseren Jäger. Wirokk hatte an zwei Jagden auf den großen Hirsch des Schnees teilgenommen, und ein mal hatte die Jagd Erfolg gehabt.

Und nun war Wirrok auf seiner dritten Jagd auf Kriegerherz. Ein Jäger, der drei mal im Leben auf den Schneehirschen trifft. Das war das letzte mal vor Generationen geschehen. Und vom letzten Jäger, der an zwei erfolgreichen Jagden auf den Schneehirschen teilgenommen hatte, dem legendäre Ithrat, wurde noch heute an jedem Feuer erzählt, obwohl er in der Zeit vor der langen Nacht gelebt hatte.

Darthak fragte sich, ob Wirokks Herz wohl in seiner Brust sprang aus Freude darüber, welche besondere Gunst die Göttin ihm zuteil werden ließ.

Dann dachte er daran, daß er bald vielleicht auch zu den Männern gehören würde, die einen Schneehirschen erlegt hatten, daß man auch von ihm an den Feuern sprechen würde, und sein Herz begann sehr wohl, in seiner Brust zu springen.

Das konnte natürlch auch an der Geschwindigkeit liegen, die sein Onkel vorlegte.

Darthak war schon auf einigen Jagden mit seinem Onkel gewesen; um genau zu sein, hatte er alles, was er über die Jagd wußte, von Wirokk gelernt, aber nichts davon hatte ihn auf dieses Gehetze vorbereitet.

Wirokk legte das Tempo vor, und Darthak rannte mit.

Er war ein kraftvoller Bursche, und auch anhaltendes Laufen war ihm nicht fremd, aber wie viel ihn noch von einem wirklichen Jäger trennte, hatte er am Abend des ersten Tages zu bemerken begonnen. Zuerst hatte seine Brust angefangen zu schmerzen, aber bald vergaß er seine Brust, als sich seine Beine zu Worte meldeten. Es begann mit einem leichten Ziehen in den Oberschenkeln, welches sich sehr bald in ein heftiges Stechen-bei-jedem-Schritt verwandelte.

Am schlimmsten war das Aufstehen am heutigen Morgen gewesen. Aber Wirokk hatte ihm keine Zeit gegeben, sich zu beklagen. Noch vor dem Sonnenaufgang waren sie aufgebrochen, querfeldein getrabt, hin zu der relativ flachen Stelle des Flusses, die, nach Wirokks Meinung auf dem Weg des Schneehirsches zurück in das Gebirge lag. Und er hatte recht behalten. Der Hirsch war hier vorbeigekommen. Er schien es nicht eilig zu haben. Kriegerherz folgte dem Ruf der Natur, im Frühjahr in das kältere Gebirge zurückzukehren, und er machte auf dem Weg halt, um zu äsen. Wenn es den beiden Jägen gelang, ihre Geschwindigkeit zu halten, konnten sie das Tier einholen, bevor es das Gebirge erreichte.

Darthaks Beine schmerzten zwar, und sein Atem ging heftig, aber heute war es längst nicht so schlimm wie am Tag zuvor. Und selbst wenn er am Ende seiner Kraft war, auch wenn der schwere Speer bei jedem Schritt schmerzhaft gegen seine Schulter prallte, Darthak jagte Kriegerherz, und er würde nicht eher aufgeben als Wirokk.

Hinter dem Fluß stieg das Gelände stetig an, und das Laufen wurde zusehends schwieriger. Ganz langsam verwandelte sich die wildgrasbewachsene Ebene in ein Meer von sanft rollenden Hügeln, und die kleinen Wäldchen von Birken und Föhren wurden immer seltener. Zu ihrer Rechten senkte sich die Sonne dem Horizont entgegen, während Wirokk immer noch nach Süden trabte und Darthak ihm folgte und sich überlegte, wie lange wohl der Weg zurück in vernünftigem Tempo dauern würde.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang verlangsamte Wirokk das Tempo zu einem strammen Marsch, und ließ sich neben Darthak zurückfallen. Er lächelte seinen Neffen aufmunternd zu, wobei sich beinahe sein gesamtes Gesicht in Falten legte und die schwarzen Stümpfe einiger abgebrochener Zähne sichtbar wurden.

Er langte in seine Umhängetasche und holte zwei Streifen getrockneten Dörrfleisches hervor, wovon er Darthak einen reichte. Der junge Mann nahm ihn dankend entgegen und schob ihn sich in den Mund, um ihn weichzukauen. Niemand in Thontar schluckte Dörrfleisch einfach so herunter. Jedenfalls kein zweites mal. Die unvermeidlichen Magenkrämpfe danach waren einfach zu heftig, vor allem wenn der Körper ausgelaugt und entkräftet war.

Erst nachdem die beiden ihre Mahlzeit beendet hatten, griff Darthak zu seinem Wasserschlauch. Er reichte ihn zuerst Wirokk, wie es dem Älteren zustand, dann erst trank er selbst. Er zwang sich, nicht zu viel zu sich zu nehmen, denn er wußte, daß sie noch einige Zeit weiterlaufen würden, wobei ein gefüllter Bauch hinderlich gewesen wäre.

Wirokk verblieb auch nach dem kargen Mahl noch eine Weile bei dem gemächlicheren Tempo, dann, die Sonne berührte gerade den Horizont, trafen sie auf eine Stelle, an der der Hirsch längere Zeit im Gras gelegen und wahrscheinlich verdaut hatte. Eine deutliche Spur, nur wenige Stunden alt, führte vom Lagerplatz des Tieres weg und auf die nun schon nahen Berge zu.

Schweigend verfielen die beiden Männer wieder in den Jägertrab. Ihnen blieb zumindest noch eine lange Dämmerung, die sie nutzen konnten.

Als Wirokk schließlich langsamer wurde, wäre Darthak beinahe in ihn hineingelaufen, so müde war er und so dunkel war es mittlerweile geworden.

Die Spur war bei diesem Licht schon längere Zeit nicht mehr zu sehen, aber sie zog sich beinahe gerade durch das stetig ansteigende Hügelland, darum hatte Wirokk beschlossen, auch nach Einbruch der Dunkelheit im Licht der Sterne noch einige Zeit weiterzulaufen, um den Vorsprung des Tieres weiter zu verringern.

Selbst wenn sie die Spur verloren hatten, würden sie sie am Morgen schnell wiederfinden, wenn der Hirsch seine Richtung nicht geändert hatte.

Darthak hörte neben sich den Atem seines Onkels beinahe genau so schwer gehen wie seinen eigenen, und zum ersten mal auf dieser Jagd realisierte er, daß Wirokk sich bei der Hetze auf den großen Kriegerherz genau so verausgabte, wie er selbst.

In diesem Moment bemerkte Darthak, wie sehr er seinen Onkel bewunderte. Er glaubte nicht, daß es noch einen Mann in Wirokks Alter in der Sippe des Schneehirschen gab, der in der Lage war, eine Jagd wie diese durchzustehen.

Ihr Lager war schnell aufgeschlagen. Einige Decken aus der Wolle der halbwilden Schafe wurden ausgebreitet, eine zum Zudecken, der Rest, um zu verhindern, daß der kalte Boden dem Körper Wärme entzog, dann saßen Darthak und Wirokk sich auf ihren Lagerstätten gegenüber, kauten noch einen Streifen Dörrfleisch, tranken ausgiebig und legten sich zur Ruhe. Ein Feuer entzündeten sie nicht.

Darthak erwachte davon, daß Wirokk damit begann, seine Decken zusammenzurollen. Am Horizont kündete zartes Rot den Morgen an.

Verärgert setzte Darthak sich auf und rieb sich die Augen. Ein Jäger sollte beim leisesten Geräusch aus dem Schlaf hochschrecken, denn es gab gerade hier in der Nähe der Berge einige wirklich gefährlichen Tierarten. Zu schlafen, obwohl Wirokk schon eine ganze Weile auf den Beinen sein mußte, beschämte den Neffen des älteren Jägers.

»Kriegerherz´ Spur führt eine halbe Großlänge von hier in Richtung auf jenen Felsen dort . Sein Vorsprung ist nicht größer, als er es gestern Mittag war.«

Darthaks Gesicht errötete. Wirokk war schon auf der Suche nach der Spur des Schneehirschen gewesen, und bei seiner Rückkehr hatte er seinen Neffen immer noch schlafend vorgefunden. Das war sowohl beschämend für Darthak, als auch für Wirokk, denn er hatte den Jungen zum Jäger ausgebildet und ein Fehler des Schülers fiel stets auf den Lehrer zurück.

Dennoch schien Wirokk nicht erbost zu sein, vielleicht wegen der guten Nachrichten, die er zu melden hatte. Und um gute Nachrichten handelte es sich. Wenn der Hirsch bei Einbruch der Dunkelheit einen Lagerplatz gesucht und sich zur Ruhe gelegt hatte, dann würden sie noch am Vormittag diese Stelle erreichen und dann nur wenige Stunden hinter ihm sein. Wenn Kriegerherz auf den nächsten Großlängen genügend zu Äsen fand, dann konnten sie ihn bis zur Dämmerung überholen, um ihm am folgenden Tag eine Falle zu stellen.

Eilig rollte Darthak seine Sachen zusammen und stellte fest, daß sein ganzer Körper immer noch von den Anstrengungen des Laufes schmerzte, daß der Schmerz aber geringer als am vergangenen Tag war. Als er fertig war, reichte ihm sein Onkel einen weiteren Streifen Dörrfleisch, den er kaute, während sie langsam losmarschierten, um ihre Beine aufzuwärmen.

Der Anblick des Himmels schien Wirokk zu beunruhigen, und auch für Darthak sah es ganz so aus, als würde es nach dem Mittag regnen. Der Regen würde es schwerer machen, der Spur zu folgen, zudem würde der Boden voraus zusehend felsiger werden.

Es gab keine Zeit zu verlieren. In stillem Einverständnis verfielen die Männer in Trab.

Am späten Nachmittag war Darthak vollig durchnäßt. Dunkle Wolken hatten sich über den ganzen Himmel geschoben und es regnete seit Stunden. Das Wasser fiel wie ein feiner Schleier herab, drang durch die Kleidung und ließ beiden Männern die Haare am Kopf kleben.

Vor einiger Zeit hatten sie kurz gerastet, aber sobald Darthak aufgehört hatte zu laufen, begann er zu frieren, und so hatte er absolut nichts daggen einzuwenden gehabt, daß Wirokk bald wieder in den gleichmäßigen Trab verfallen war, mit dem sie sich seit Tagen bewegten.

Kurz nach dem Beginn des Regens hatten sie die Spur des Hirschs verloren, aber als der Boden weiter aufweichte, gelang es ihnen, die nun tiefen Eindrücke der Hufe im weichen Boden wiederzufinden.

Das Tier schien bestrebt zu sein, aus dem schlechten Wetter herauszukommen und hatte seine Geschwindigkeit erhöht, und langsam vergrößerte sich sein Abstand zu den beiden Männern, die ihm zuvor bis auf wenige Stunden nahegekommen waren, wieder.

Wirokk hatte zunächst versucht, ihr Tempo ebenfalls noch zu erhöhen, aber bald mußte er einsehen, daß ein schnellerer Lauf als der Trab, der den Jägern zueigen war und ihren Namen trug, viel zu viel Kraft verbrauchte. Sie konnten nur hoffen, daß der Schneehirsch langsamer werden würde oder gar eine längere Rast einlegte.

Die Landschaft veränderte sich jetzt stetig, und die grau-grün-braunen Hänge der Ewig Schneegekrönten Berge füllten bereits beinahe das halbe Sichtfeld aus. Auf Darthak wirkte es, als müsse er nur den Arm ausstrecken, um einen von ihnen berühren zu können, aber natürlich waren sie noch viele Großlängen entfernt.

Überall wuchsen Felsplatten und -buckel aus dem Boden, als versuche das Gebirge mittels Trieben, in die Ebene hineinzuwachsen, und an manchen Stellen gab es ganze Felder von zerspellten, häusergroßen Felsblöcken, so als hätte ein Gigant sie aus dem Gebirge heruntergeschleudert.

Obwohl der Boden nicht fetter schien als in der Ebene, gab es wieder häufiger Bäume, besonders Kiefern und Tannen, die sich in den Schutz der Felsblöcke kauerten.

Der Regen hatte nachgelassen, aber da es schon später am Tage war, blieb es grau und dämmrig. Sie folgten der Spur gerade auf ein Nadelgehölz zu. Die Bäume standen nicht sehr dicht, aber dicht genug, um das wenige Licht so weit zu filtern, daß unter ihnen beinahe Nacht war. Darthak versuchte, das Dunkel mit seinen Augen zu durchdringen und ließ dabei seinen Onkel außer acht, als Wirokk abrupt stoppte und den Kopf zur Seite drehte, so als wollte er lauschen.

Als Folge prallte Darthak von hinten auf ihn, verlor das Gleichgewicht und versuchte, sich am ledernen Hemd seines Onkels festzuhalten.

Wirokk, der auf diesen Angriff nicht gefaßt war, landete zusammen mit seinem Schüler auf dem vom Regen aufgeweichten Boden.

Der Ältere stieß seinen Neffen wuterbost zur Seite und sprang auf, um erneut in Richtung des Wäldchens zu lauschen. Darthak erwartete halb, mit dem Speerschaft geprügelt zu werden, während er sich mühsam wieder aufrappelte.

Er versuchte, Wirokk entschuldigend anzulächeln, als dieser sich schließlich ihm zuwandte, aber der Gesichtsausdruck des alten Jägers ließ ihn sofort zu seinem Speer greifen.

Irgendetwas stimmte nicht, und Darthak kannte Wirokk gut genug, um sagen zu können, daß sein Onkel sehr beunruhigt war.

Auch er lauschte und hob schließlich sogar die Nase in den Wind, aber er selbst konnte nichts Beunruhigendes feststellen.

Wirokk schlich gebückt voran und bedeutete Darthak, ihm zu folgen.

Als sie den Rand des Hains erreichten, ließ sich Wirokk auf alle viere hernieder und kroch vorsichtig voran, jeden herabgefallenen Ast, jeden Zapfen vermeidend, um kein Geräusch zu verursachen.

Darthak folgte ihm weiterhin.

Unter den Bäumen war der Boden stellenweise trocken, aber überall lagen harte braune Nadeln, die so spitz waren, daß sie sich durch seine ledernen Hosen in seine Knie bohrten.

Wirokk verhielt eine ganze Weile, und Darthak fragte sich, warum der Ältere so beunruhigt war. Alles schien normal zu sein. Alles war ruhig.

Ruhig.

In einem Wäldchen wie diesem, selbst bei schlechtem Wetter , sollte man im Frühling erwarten, Vögel zwitschern zu hören, zumindest einen oder zwei Zapfenknacker, aber es war nichts zu hören.

Es war völlig still, so als hätte irgend etwas die Vögel vertrieben.

Als Wirokk vorsichtig weiterkroch, gab sich Darthak doppelt Mühe, ihm lautlos zu folgen.

Nach einer ganzen Weile tauchten voraus dunkle Schemen auf, die zu wuchtigen Schatten wurden, als sie noch näher kamen. Inmitten des Hains lagen mächtige Felsblöcke, turmhoch und unregelmäßig geformt, manche liegend, andere kerzengerade aus dem Boden wachsend, noch andere in einem so unmöglichen Winkel im Boden steckend, daß Darthak erwartete, sie jeden Moment endgültig umfallen zu sehen.

Auf nicht wenigen dieser Felsriesen wuchsen Bäume und Büsche, klammerten sich in Spalten und Risse auf der zerspellten Oberfläche, und Darthak traute es sich zu, die meisten ohne Schwierigkeiten zu erklimmen. Einer sah sogar so aus, als habe ein Riese unregelmäßige Stufen in eine nicht allzu steil ansteigende Seite geschlagen.

Die Felsblöcke umstanden eine Art freien Platz, dessen Boden aufgewühlt war. Spärliches Gras war in ganzen Soden aus dem sandigen Boden gerissen worden, kleinere Bäume waren umgeknickt, und überall auf dem Boden war Blut.

Eine Spur von Blut führte von der Mitte des „Platzes" auf den treppenförmigen Felsen, von dem Darthak aus seiner liegenden Position nur die erste „Stufe" einsehen konnte. Von der darüberliegenden war Blut an der senkrechten Felsseite heruntergelaufen, viel Blut, das teilweise noch nicht getrocknet war.

Wirokk bedeutete ihm, in Deckung zu bleiben, woraufhin er sich nach links wandte. Darthak folgte seinem Weg eine Weile mit den Augen, bis er den Älteren Jäger hinter den Bäumen aus dem Blickfeld verlor.

Nach einer ganzen Weile sah er ihn erneut, wie er den Felsen neben dem Treppenfelsen erkletterte. Oben angekommen verharrte er eine Weile flach auf dem Boden liegend und für Darthak außer Sicht, dann erhob er sich, winkte Darthak zu kommen und machte sich an den Abstieg.

Darthak ergriff seinen Speer, erhob sich und trat zwischen die Felsen hinaus.

Wirokk traf ihn vor dem Treppenfelsen, welcher aus der Nähe betrachtet noch wesentlich größer war, als >Darthak sich gedacht hatte.

Noch immer ließ sich die zweite Stufe nicht einsehen.

Wirokk erklomm die erste, die beinahe so hoch wie Darthak war, und half diesem hinauf. Die Plattform war gut drei mal zwei Mannlängen groß. In Vertiefungen hatte sich fruchtbarer Boden gesammelt, der Gras und setzlinggroßen Bäumchen Nahrung bot.

Die Kante der zweiten Stufe war über Darthaks Augenhöhe, und diesmal ließ Wirokk ihn voranklettern.

Darthak sprang an die Kante, klammerte sich mit den Händen fest und begann sich emporzuziehen.

Als seine Augen über die Kante kamen, ließ er erschrocken los und fiel auf die erste Stufe zurück. Er taumelte einen halben Schritt zurück und wäre wohl gefallen, wenn Wirokk ihn nicht gehalten hätte.

»Keine Sorge, mein Junge. Er ist tot.«

Darthak nickte, zu überrascht, um etwas zu sagen, um dann schließlich doch seine Selbstbeherrschung zurückzufinden.

»Winterfürst,« flüsterte er. Wirokk nickte. »Winterfürst,« wiederholte er, seine Stimme ebenfalls unwillkürlich gesenkt.

Winterfürst, der weiße Bär. Er jagte die gleichen Robben wie das Volk von Thontar, und manchmal traf eine Gruppe von Jägern auf dem zugefrorenen Meer einen Winterfürsten auf der Jagd.

Solche Begegnungen gingen nicht immer glimpflich aus. Meist ging Winterfürst den Menschen aus dem Weg, aber wenn er überraschend in seinem Jagdrevier Thontarer antraf, dann griff er auch schon einmal an.

Männer und Frauen, die von Winterfürst angegriffen wurden, gingen fast immer in Kaas Reich ein. Einen Prankenschlag oder Biß des Bärs konnte ein Mensch nur mit sehr viel Glück überleben. Der weiße Jäger des Eises war verantwortlich für das Verhungern so mancher Familie, deren Ernährer er getötet oder verkrüppelt hatte.

Darthak war überrascht, einen von ihnen so weit von der Küste entfernt zu sehen, selbst jetzt im Frühjahr, aber noch überraschter war er über die Tatsache, daß der Bär tot war.

Unter den anderen Tieren Thontars gab es kaum ein Tier, das Winterfürst ein würdiger Gegner sein konnte.

Aber dieser Bär war tot.

Wirokk und Darthak zogen sich auf die Plattform hinauf, auf der der Kadaver lag, und untersuchten ihn.

Winterfürst war ein Männchen, aufggerichtet fast zwei Mannlängen hoch und mit Sicherheit so schwer wie zehn Männer. Seine Krallen waren so lang wie Darthaks Zeigefinger, die Reißzähne sogar noch länger.

»Winterfürst ist ein alter Krieger,« stellte Wirokk fest und deutete auf Narben im Fell des Bären, dann auf die zugewachsene Höhlung, die einst sein linkes Auge beherbergt hatte. Dann deutete er auf frische Verletzungen. Einige Rippen waren eingedrückt und eine stach aus dem Fell heraus. Um diese Stelle herum war das gelblich-weiße Fell des Tieres blutverschmiert. Regenwasser hatte das Blut über die gesamte Seite des Bären verteilt.

Diese Verletzung würde den Bären vermutlich getötet haben, und zwar innerhalb weniger Stunden, aber schlimmer war sein eingeschlagener Schädel.

Direkt über dem schon lange fehlenden linken Auge wölbte sich die Schädelplatte des Tieres nach innen. Die Stelle war aufgeplatzt. Deutlich war die zwei Halbmonden ähnlich sehende Stelle zu sehen, an der die größte Kraft gewirkt hatte.

Wirokk legte die Spitzen der Finger beider Hände an die Wunden, formte sie mit seinen Händen nach und nickte bedächtig. Er erhob sich und deutete auf den Platz zwischen den Felsen herab.

»Was siehst du in den Spuren, Neffe?« verlangte er zu wissen. Das tat er oft, um die Kenntnisse seines Schülers zu überprüfen. Darthak überflog die ganze Szenerie noch einmal und streckte seine Hand in eine Richtung aus.

»Winterfürst ist von dort gekommen, und Kriegerherz von da. Der Wind muß ungünstig geweht haben, so daß keiner von beiden den anderen hat riechen können, sonst wären sie sich aus dem Weg gegangen. So aber trafen sie an der Ecke dieses Felsens aufeinander, dort, wo der Boden aussieht wie umgegraben. Aus Schreck oder Wut haben sie zu kämpfen begonnen, sind wild aufeinander losgegangen, ohne Verstand. Schau nur, wie die Spuren vor und zurück gehen. Kriegerherz hat Winterfürst seine Schaufeln spüren lassen, hat ihn seitlich getroffen und die Knochen in seiner Brust zermalmt. Dann hat er ihn getreten und seinen Schädel zerschmettert. Winterfürst ist danach dort drüben gestürzt, und Kriegerherz zog weiter , und zwar in dieser Richtung. Einige Zeit danach, aber nicht sehr lange, ist Winterfürst erwacht. Irgendwie hat er sich hierher geschleppt, dann ist er gestorben. Sein Körper ist noch warm, er ist seit einigen Stunden tot, aber der Kampf war früher. Ich nehme an, Kriegerherz hat seinen Vorsprung halten können.«

Wirokk klopfte ihm zufrieden lächelnd auf die Schultern.

»Du wirst von Tag zu Tag besser,« lobte er. Gerade, als Darthak begann, vor Stolz über das seltene Lob zu erröten, fügte Wirokk hinzu: »Aber du hast etwas Wichtiges übersehen.« Er trat an den Bären heran und hob eine der überkopfgroßen Pranken auf, um auf die Krallen zu deuten. Dann zeigte er auf den Hals des Tieres, an dem blutige Spuren von den Lefzen herabführten.

»Kriegerhez ist verletzt, vielleicht sogar schwer. Ich glaube nicht, daß er noch Beute der Menschen ist.«

Beide Männer kletterten von dem Felsen herunter und folgten der Spur des geflohenen Hirschen. Bald schon war klar, daß das Tier schwer verletzt war. Eine Spur von dichten Blutstropfen zeigte ihnen den Weg, und augenscheinlich humpelte der Schneehirsch auf nur drei Beinen.

Noch im Wäldchen kamen sie an eine Stelle, an der sich ein größerer Blutfleck befand. Hier war das Tier erschöpft stehengeblieben und hatte sich erst nach einer längeren Pause weitergeschleppt. Am Rande des Wäldchen wiederholte sich das Bild, nur daß der Blutfleck hier größer und deutlich frischer war. Um Stunden frischer.

Wirokk und Darthak verfielen wieder in ihren Trab, während sie der deutlichen Spur folgten. Sie mußten nicht weit laufen. Nach wenigen Längen führte sie die Spur auf einen Hügel. Wirokk, der voran lief, blieb auf der Hügelkuppe stehen.

Darthak gesellte sie zu ihm.

Unten im Tal zwischen diesem und dem nächsten Hügel stand der Schneehirsch, den sie seit drei Tagen verfolgten. Zuerst sah Darthak nur das Weiß seines Fells. Wo der Bär gelblich und schmutzig gewirkt hatte, war der Hirsch strahlend und makellos, von einem Weiß wie frisch gefallener Schnee, beinahe schmerzhaft in seiner Intensität.

Das nächste war die Größe. Als sie ihn das erste mal gesehen hatten, war der Hirsch sehr weit entfernt gewesen, zu weit, um seine Maße richtig einzuschätzen. Als Darthak realisierte, wie weit die Strecke bis hinunter ins Tal tatsächlich war, weiteten sich seine Augen vor Überraschung. Kriegerherz war ein Gigant. Darthak schätzte er, daß ein erwachsener Mann mit ausgestreckten Armen gerade noch den Rücken des Tieres würde erreichen können. Die selbe Strecke maß sicherlich die Spannweite seiner beiden mächtigen Geweihschaufeln. Allein der Hals des Hirschen mußte dicker als ein Mensch sein.

Zuletzt erst wurde die Ehrfurcht, die Darthak vor diesem Tier zu empfinden begann, der wachsende Entschluß, einer solchen Schönheit kein Leid zufügen zu wollen, getrübt durch die Verwundungen Kriegerherz´, deren Schweregrad ihm jetzt erst auffiel.

Am Hals und den Seiten des Hirschs waren tiefe Fleischwunden zu sehen, das eine Ohr war abgerissen. Am Schlimmsten sah jedoch der linke Vorderhuf aus, der dicht unterhalb der Brust des Tieres lose hin und her pendelte. Der Bär schien ihn beinahe durchgebissen zu haben. Die böse aussehende Wunde blutete nicht sehr stark, aber es war deutlich, daß das Bein das Gewicht des Tieres unmöglich tragen konnte.

Der Hirsch stand auf drei Beinen unten im Tal, den Kopf gesenkt, das strahlend weiße Fell blutverklebt, und zitterte. Es schien die Anwesenheit der beiden Menschen nicht einmal bemerkt zu haben.

Wirokk seufzte.

»Die Göttin hat ihre Hand an Kriegerherz gelegt. Er ist von ihr gezeichnet. Sie beansprucht ihn für sich.«

Darthak nickte müde, hob seinen Speer auf die Schultern und warf noch einen langen Blick auf das sterbende Tier im Tal hinab. Die Jagd war vorbei, Kriegerherz trug das Zeichen der Göttin. Niemand in Thontar würde Hand an ihn legen.

»Komm, Neffe«, rief Wirokk, der schon eine halbe Länge weit entfernt war, »es ist ein langer Weg zurück.«

Ein langer Weg, dachte Darthak, ein langer Weg ohne Erfolg. An seinem Ende erwarteten sie kein Freudenfest und keine Bewunderung.

Zumindest brachten sie eine Geschichte mit zurück, die man sich vielleicht noch nach Generationen erzählen würde, die Geschichte von Kriegerherz und Winterfürst, und wie sie sich gegenseitig den Tod gebracht hatten.

 
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